Eine Zugfahrt

Schreibstube Zugabteil

Nun sitze ich im Zug nach Moskau.
Nicht, dass ich da wirklich hinfahren wollte… aber mein Flug in die Ukraine war trotz bestätigter Reservierung dann irgendwie doch nicht möglich, und mein Visum für Israel stand kurz vor dem Auslaufen. Es musste eine andere Lösung her.
Zwei Tage vor dem Flug hatte mir der Ticketdealer namens „Terminal A“ per E-Mail geschrieben, dass ich aus irgendwelchen technischen Gründen, die es eigentlich gar nicht geben sollte, doch bitte eine Aufzahlung von 184€ akzeptieren sollte, damit man mir mein Ticket auch ausstellen könnte.

„Es ist so, dass die Flüge die wir anbieten über die Weltflugreservierungssysteme AMADEUS und GALILEO in unseren Webs angeboten werden. Das bedeutet, dass alle weltweiten Fluggesellschaften, die momentan buchbar sind, automatisch bei uns auf der Webseite erscheinen. Es kann sein, dass deshalb Flüge angeboten werden, die wir nicht ausstellen dürfen oder können. Dafür kann es zwei unterschiedliche Gründe geben. Entweder die Fluggesellschaft hat Ihr System noch nicht aktualisiert und deswegen können wir kein elektronisches Ticket ausstellen (seit dem 01. Juni 2008 kann man keine Papiertickets mehr ausstellen, das ist eine Änderung die die IATA (Organisation der Fluggesellschaften) eingeführt hat) oder es gibt kein Abkommen zwischen den beteiligten Fluggesellschaften.“

Aus der E-Mail von Terminal A

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Immerhin hat man die Reservierung wenigstens anstandslos storniert und so habe ich mir den nächst-billigsten Flug in die richtige Richtung gesucht und bin am 14.8.09 in Bukarest gelandet.
Die manchmal nicht ganz unkomplizierten Ausreiseformalitäten am Tel Aviver Flughafen liefen diesmal wie von selbst. Habe ich doch während des Walks May kennen gelernt, die inzwischen in der Airport Security arbeitet und normalerweise damit beschäftigt, ist unschuldigen Reisenden gemeine Fragen zu stellen, um für die Sicherheit des Flughafens und des Staates Israel herauszufinden, ob nicht doch wer was Böses im Schilde führt. Da ich ihr in den Bergen der Wüste über diverse Felsen hinweggeholfen habe und wir viele Fragen schon in freundschaftlicher Nicht-Flughafen-Atmosphäre geklärt haben, hat sie mir nun in klassisch Israelischer Klüngel Manier über die Hürden der Ausreise hinweg geholfen. Gerade mal einen Röntgen Scan für mein Gepäck, nichts auspacken, keine Fragen, wie ich wann wo war und warum, keine Sprengstoff Spektralanalyse… Nur hier und da ein paar nette Worte - und die Prozedur, für die durchaus mal einige Stunden draufgehen können, war vorüber.

Bukarest lerne ich nur bei Nacht kennen. Ich will die letzten Tage des europäischen Rainbow Gatherings mitbekommen und bin etwas unter Zeitdruck. In diesem Jahr findet das Rainbow in der Ukraine statt, und der erste Zug, der mich dorthin bringen kann ist vor ca. einer Stunde um 6:26 mit nur leichter Verspätung gestartet.

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Ein paar Jahre zurückversetzt fühle ich mich hier. Wenn man nachts durch Bukarest spaziert sieht man vor allem gigantische Monumentalbauten, die augenblicklich verfallen oder schon längst verfallen sind. An Chauchesku musste ich denken, der vermutlich hier in einer Art überdimensionierten, Akroplolis-ähnlichem Palast sein diktatorisches Regime führte. Die Nacht zeigt auch die eigentlichen Gewinner der EU-Osterweiterung in bunten Farben – hab mich richtig daheim gefühlt: Raiffeisen Bank, Dresdener Bank, Mc Donalds, KfC und Sparkasse (…).
Rumänisch kommt mir irgendwie vertraut vor. So circa ein Drittel kann ich mit meinen rudimentären Französisch-, Spanisch und Italienischkenntnissen entziffern. Verstehen jedoch geht gar nicht. Ich weiß nicht einmal, ob die Leute versuchen, Rumänisch, Ukrainisch oder Russisch mit mir zu sprechen.

Mein Zugticket bekomme ich letztendlich von genau der selben, pampigen Angestellten, die mich schon Stunden vorher auf später verwiesen hatte. Das gewisse Ostblock Gefühl, nur störte man damals vermutlich noch nicht beim Windows-Solitär-Spielen. Der „Du willst doch jetzt nicht ernsthaft, dass ich aufstehe und dir eine Auskunft gebe“-Blick. Entschuldigung! In Israel wird man als Kunde wenigstens nur konsequent ignoriert (meist telefoniert der/die VerkäuferIn gerade mit dem Handy), bis man sich umdreht um zu gehen – aber man bekommt wenigstens keine Schuldgefühle.

Der Zug war natürlich an der großen, ehemals weißen Anzeigetafel angeschrieben. Mit allen möglichen Namen – nur keinem, der mir irgendwie bekannt vorkam. Die Dame, bei der ich mein Ticket gekauft habe konnte mir natürlich nicht sagen, auf welchem Gleis der täglich verkehrende Zug denn zu erwarten sei. Sie verwies mich an den Informationsschalter, an dem mir beim ersten Versuch aber keiner auf Englisch weiterhelfen konnte. Ich hatte die naive Vorstellung, dass vielleicht an den Anzeigetafeln zu den ca. 12 Bahngleisen irgendwas von „Moskowa“ stehen könnte. Als um 6:25 so langsam die Panik in mir Aufstieg, bin ich dann erneut zur Information gesprintet, habe die zehn Meter lange Schlange ignoriert mit meinem Ticket gewedelt und „Moskowa! Moskowa?“ geschrien. Zehn Minuten später kam auch der Zug.

So eine Art Regionalbahn von Bukarest über Kiev nach Moskau. Im Schneckentempo geht es durch grüne Laubwälder, (ja, wirklich Grün – das tut nach einem halben Jahr im vertrockneten Israel mal gut) vorbei an allerlei Industriebrachen und verrosteten Atomkraftwerken, an Bahnsteigwärtern mit roter Kelle und Schrankenkurblern, die immer aufrecht stehend weiße Stückchen in die Luft halten – vermutlich um dem Zugfahrer zu signalisieren, dass sie nicht schlafen. Sogar einen echten Panzerzug habe ich gesehen – genau so einen, wie in dem James Bond Film – wusste gar nicht, dass es so was wirklich gibt.

Die Landschaft durch die mein Zug tuckelt erinnert an Brandenburg im Frühsommer. Nur wenige flache Hügel zwischen Mais-, Sonnenblumen und bereits abgeernteten Kornfeldern. Von Hand aufgetürmte Heustöcke, hier und da mal eine Kuh oder ein Pferd. Ein alter Mann mit faltigem Gesicht schneidet Gras mit der Sense.

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Zug fahren macht hier richtig Spaß! Zur Zeit habe ich ein sechser Liegewagen Abteil ganz für mich alleine, ich glaube den Zug nehmen nur Menschen, die Angst vor dem Fliegen haben. Nach zehn Stunden haben wir die Grenze zur Ukraine erreicht. Für mich interessiert sich hier bisher niemand. Hab mich mit meinem einzigen Hemd schick gemacht.

Zweiter Grenzstopp, jetzt wird’s Kyrillisch. Der Grenzposten auf Ukrainischer Seite hat seinen ganz eigenen Charme. Während das betagte, kleine Häuschen des Rumänischen Grenzpostens, von allerlei Grün umwachsenen, verschlafen und provinziell wirkt, kommt aus dem spiegelblinkend neuen Ukrainischen Grenzbahnhof eine ganze Horde in diversen gedeckten Farben uniformierter auf den Zug zugestürmt.

Erstmals wurde meine Reiseapotheke analysiert. Jegliche Packungsbeilage studiert – wusste gar nicht mehr so genau, was ich alles in dem dick gepackten Täschchen mit mir herumtrage. Laut Selbstauskunft war die durchaus freundliche Zoll-Apothekerin auf der Suche nach Antibiotika. Das hat sie dann auch gefunden, aber irgendwie war sie dann doch nicht so ganz interessiert, am Ende durfte ich jedenfalls alles behalten. Mit einem Geigerzähler kam auch einer vorbei (hat aber nicht genauer untersucht, ob ich vielleicht in meinem Rucksack eine Atombombe in die Ukraine (!) schmuggle). Die Funktionen weiterer Uniformierter blieben letztendlich nebulös.

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Bevor ich meinen Reisepass mit einem 90-Tage Touristenvisum zurückbekam, vergingen aber noch mal fast zwei Stunden. Da sich die Spurbreiten um geschätzte 20 cm unterscheiden, werden nämlich die Radblöcke des gesamten Zuges getauscht. Erstmal fährt der Zug auf ein Werksgelände, das mit jeweils vier Schienen je Spur ausgestattet ist. Dann werden alle Wägen entkoppelt und einzeln inklusive aller Reisender aufgebockt. Die schmalen Räder werden weggeschoben und durch breitere Ersetzt. Mit diesem Spektakel beschäftigen sich vermutlich mehr Arbeiter, als der Zug Reisende hat.

Kurz bevor mein Waggon auf volle Höhe aufgebockt war und kurz nachdem ein Kran diverse Kupplungsteile vor meiner Zugtüre verloren hat, bin ich mit meiner Kamera frech aus dem Wagen gesprungen um dieses für mich durchaus kuriose Schauspiel zu dokumentieren. Der mich mit erhobenem Zeigefinger tadelnden Zugbegleiterin (es gibt zwei Zugbegleiter – je Wagen) musste ich leider klar machen, dass es mir nicht möglich ist in den zwei Meter über dem Boden schwebenden Wagen zurückzukehren. Die Arbeiter ließen sich jedenfalls von mir nicht aus der Ruhe bringen.

Ich habe es jedenfalls nicht bereut, die zwanzigstündige Zugfahrt auf mich zu nehmen. Fühlte mich ein wenig, wie in einer Zugfahrt aus einem um die letzte Jahrhundertwende geschriebenen Reisebericht. Und günstiger als mit dem stornierten Flug bin ich allemal davongekommen.

Nach etwa drei Stunden hat sich der Zug dann endgültig wieder in Richtung Tschernopol in Bewegung gesetzt. Einen kleinen Schock gab es noch, über den mich aber meine liebste, gut recherchierende, in leichter Panik per SMS alarmierte Jacqueline hinwegbrachte. Als ich den Zugführer nach der Ankunftszeit fragte klang der Ortsname aus seinem Munde, wie Tschernobyl. Und da wollte ich nicht so wirklich um zwei Uhr in der Nacht ankommen.
Nur schade, dass es bald dunkel wird.

One Response to “Eine Zugfahrt”

  1. stephan Says:

    :-D, yippi, ich will auch fliegende züge sehen !

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