Das überzogene Visum und die kleine Strafa

Wow, geschafft! Ich sitze in einem betagten Boot auf dem Weg von Sevastopol nach Istanbul. Die letzten Stunden in der Ukraine waren mehr als aufregend.

Die nette Dame vom Bootsticketverkauf hat Marisha - meine Gastgeberin in Sevastopol - gestern damit beauftragt, meine „Strafa“ für die Überziehung der erlaubten Aufenthaltsdauer zu bezahlen. So sind wir den halben Tag zwischen diversen Zoll-, Ausländer-, Polizei- und Immigrationsbehörden hin und hergeschickt worden. Zuständig wollte irgendwie niemand sein. Und meine Strafa könnte ich nicht am Hafen bezahlen, da müsste ich dann schon zu irgendeiner Bank, diverse Formulare ausfüllen und dann sei das Schiff vermutlich schon abgefahren, denn so lange würde man dann nicht warten.

Viel Guter Willen half also wenig und ich habe schlecht geschlafen, nicht wissend, ob ich am nächsten Tag nun in Richtung Türkei losfahren würde. Wir sind heute früh um 6°° aufgestanden, damit wir eine Stunde vor der offiziellen „Registura“ am Hafen wären und genügend Zeit für eventuelle Exkursionen zur Verfügung hätten. Ungefähr eine Stunde nach dem auf 8:30 angesetzten Termin (und diese zwei Stunden waren sehr, sehr lang!) regte sich so langsam was in der Hafen-Zollbehörde. Eine ganze Brigade Zöllner (geschätzte 20 plus ein sehr süßer Hund) hat einige Zeit gebraucht, um das Schiff bis in den kleinsten Winkel zu inspizieren, bevor sich die Beamten den mittlerweile vollzählig wartenden Passagieren zuwandten. Bis zum Zoll durfte Marisha – in diesem Falle meine Übersetzerin – dann auch noch mitkommen.

Schon dachte ich, alles wär ganz unkompliziert und vorbei, doch kaum alleine gelassen, gab es da dann doch noch die Grenzpasskontrolle. Das zählende Stirnrunzeln des Grenzbeamten verriet mir gleich: mit Fahrlässigkeit kann ich wohl kaum rechnen. Also setzte ich mich auf den mir zugewiesenen Platz und wartete mit gemischeten Gefühlen bis alle anderen Passagiere abgefertigt wurden. Dann rannte der Gute mit meinem Pass von der einen Ecke zur anderen. Fragte diesen, fragte jenen, telefonierte. Und würdigte mich keines Blickes. Nach einigen, langen Minuten hielt er mir dann plötzlich ein Telefon unter die Nase: Eine charmant akzentuierte Dame sprach mich auf Deutsch an und erklärte mir, dass ich eine Strafe von 340 Grivna – viel weniger, als uns die Ticketverkäuferin prophezeit hatte – zu zahlen hätte. Keine Grivna? In Euro sei das auch kein Problem.

Dann begann der Formularkrieg. Der arme, sichtlich überforderte Grenzbeamte musste sich durch 3 doppelseitig klein bedruckte Din-A4 Seiten lesen, dabei oft die Stirn runzeln und ca. 25 mal meinen Namen eintragen. Ein weiteres Telefongespräch mit der Dolmetscherin und ich erfuhr, dass auch meine Meldeadresse und mein Beruf in irgendwelche Formularfelder eingetragen werden mussten.

Inzwischen war eine nette junge Dame mit bündelweise Geldscheinen eingetroffen, vermutlich die Zollkassiererin. Sie sollte mir meine Euro in Grivna tauschen. Zu einem denkbar ungünstigen Wechselkurs, den ein Kollege nach einigen Minuten auf einem kleinen Zettel notiert brachte - ich glaube es war der VK anstatt der EK Kurs für Euros, aber was soll`s ich wollte ja nur auf mein Boot! Als sie schließlich meinen leicht angegammelten Not-50er entdeckte, rief sie irgendwas wie „Ohgottogott“ und „Magazin“ und rannte aus dem mit leeren Ikea-Möbeln bestückten Zimmer.

Während sich der unglückliche Grenzpolizist weiterhin und offensichtlich zunehmend frustriert durch die Formulare las, kamen diverse Kollegen in verschiedenfarbigen Uniformen vorbei und mahnten ihn zur Eile. Von meinem vermutlich bleichen Gesicht ganz zu schweigen. Helfen wollte aber keiner. Die Geldfrau kehrte zurück und gab mir einige Grivna Rückgeld, um uns anschließend beim dumm gucken (Er auf die Formulare, ich an die Wand) zuzugucken. Ich wurde ein wenig ungeduldig, die Schiffssirene meldete sich zum zweiten mal: Trööööt! So langsam wurde es auch dem geduldigen Bürokraten zu blöde, er überging die verbliebenen drei Rückseiten und begann mit dem Unterschriftsritual. Ich habe mitgezählt. Neun mal habe ich die Ukrainisch oder gar nicht beschrifteten Blätter an diversen Stellen unterschrieben, was auch immer darauf stand – oder künftig draufstehen wird. Danach endlich: Kalönk. Der Stempel in meinem Pass! Und ich durfte endlich los.

Nach kurzer aber ehrlich gemeinter Entschuldigung bei dem ebenso Erleichterten, kam ich als letzter Passagier aufs Schiff. Schien aber keinen ernsthaft zu stören – wir Deutschen machen uns da einfach falsche Vorstellungen von Zeitplanung. Hab sogar meine Ukrainische Ausweishülle mit 220 Grivna Wechselgeld vergessen. Auf halbem Weg zurück zum Zollhaus kam mir mein mittlerweile lieb gewordener Beamte entgegen und drückt mir mein Mäppchen in die Hand. Er bestand darauf, dass ich auch reingucke, ob auch alles Geld noch drinnen ist.

Am Ende: viele Nerven hat mich das alles gekostet und einige wenige Euro. Unter Berücksichtigung des dubiosen Wechselkurses hat mich die Woche Überziehung ziemlich genau 30€ gekostet. Weder die mit hohem Unterhaltungswert geschriebenen Antworten auf meine Anfrage im Ukraine-Forum, in welchem ich vorher um Rat gebeten hatte, noch die Panikmache der Bootsticketverkäuferin haben mich weitergebracht. Ein bisschen mehr Gelassenheit und ich hätte die letzten zwei Tage besser genießen können. Die Beamten mit denen ich zu tun hatte sind jedenfalls deutlich ehrlicher, als die Ukrainischen Landsleute vermuteten.

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