Ukraine

UNIVERSITÄT UND FAMILIENLEBEN: KHARKOW

Eigentlich war ja nur ein Wochenendausflug geplant, aber in Koziatin war es so schön, dass ich eine ganze Woche geblieben bin. Nach einem kurzen Zwischenbesuch in Kiew bin ich mit Tanja und Pascha im Nachtzug nach Kharkow in den russischsprachigen Osten der Ukraine gefahren. Bei den durchschnittlich vielleicht 60km/h dauert eine Reise dort immer mindestens eine Nacht, dafür gibt es Schlafwägen mit zu kurzen Betten (in die eine Variante passe ich gar nicht rein, bei der anderen hängen meine Füße 30cm in den Gang) und in unserer Preisklasse immer reichlich Betrunkenen. Spaß macht das ganze erst, wenn man sich auf eine der zahlreichen Einladungen zum Biertrinken einlässt.

Ohne irgendeinen Grund dafür zu haben, wusste ich schon lange, dass Kharkow mir gefallen würde und plante, dort einige Zeit zu verbringen. Ich hatte eine Einladung von Tanjas Mutter, Lydia. Sie ist Professorin für Philosophie an der Universität und Leiterin der Fakultät für Medien und Kommunikation. Der Studiengang ist erst zu diesem Semester ins Leben gerufen worden. Junge Dozenten unterrichten eine Mischung aus Medienwissenschaften, Philosophie und Medialer Praxis im Rahmen der Soziologischen Fakultät – alles ist noch im werden.

Die Studenten kommen aus den verschiedensten Fachgebieten von Medientechnik bis Linguistik. Die eher konservativen Soziologen müssen erst noch von der Idee eines Fachgebietsübergreifenden Studiengangs überzeugt werden. Manchmal gibt es noch turbulente Diskussionen im Kollegium, da manch einem das harmonisch-unhierarchische Miteinander nicht so ganz mit seinem Weltbild zu vereinbaren ist.
Mein Angebot belief sich darauf, ein Seminar über OpenSource-Software zu halten und das mit einem bisschen praktischem Webdesign zu verbinden. Doch zunächst sollte ich auf einer Art Werbeveranstaltung des Studiengangs über irgendetwas berichten – über was genau, wurde mir auch nach mehrfachem Nachfragen nicht so ganz klar. Ich habe mich schließlich entschlossen, über mein eigenes Studium an der FH Köln zu sprechen und die Unterschiede zum Studium an der hiesigen Fakultät herauszustellen.

Die Veranstaltung fand in einem Buchladen in Kharkows Innenstadt statt. Neben meinem kleinen Vortrag gab es Musik und Videopoetry – eine mir etwas schleierhafte Kommunikationsform. Die vorwiegend Ukrainisch besprochenen Kurzfilme sollten Poesie und Bild in Einklang bringen, was ihnen aber kaum gelang. Für mich gehören Bild und Ton einfach zusammen und wenn ein Gedicht mit eher schlecht aufgenommenen Bildern kombiniert ist, will das für mich nicht so ganz zusammen passen. Im Nachhinein habe ich in diversen kulturellen Einrichtungen Poster mit meinem Foto und Namen drauf entdeckt. Ein etwas komisches Gefühl: ich war wohl so was wie das ausländische Aushängeschild des Studiengangs. Aber immerhin war es mein erster Vortrag mit russischer Synchronübersetzung und allemal eine Erfahrung wert.

Meine „Masterclass“ habe ich schließlich in der Universität vor größtenteils interessierten Studenten gehalten. Ein Seminar über den Einsatz meines Lieblings Content Management Systems WordPress für den Einsatz auf kleinen Unternehmenswebseiten. Sowohl die Vorbereitung als auch der Vortrag haben mir viel Spaß bereitet – und wer kann schon von sich behaupten, ein Seminar an einer Ukrainischen Universität gegeben zu haben.

Inzwischen war eine mittlerweile gute Israelische Freundin, Alona, von der Krim zurückgekehrt. Ich hatte ihr noch in Israel versprochen, sie bei einer für sie bedeutenden Mission zu unterstützen: Geboren in Kharkow aber aufgewachsen in Israel, hatte sie ihren Vater noch nie zu Gesicht bekommen. Nach einigem schüchternen ums-Haus-schleichen hat sie es schließlich gewagt, an seine Türe zu klopfen, während ich im Hof gewartet habe um etwaige Tränen zu trocknen. So ganz einfach stelle ich mir das für den Vater auch nicht vor: Der gute macht die Türe auf und da steht ein 20jähriges Mädchen im bunten Hippielook und erklärt in hebräisch akzentuiertem Russisch, die Tochter zu sein, die er zum letzten mal mit eineinhalb Jahren persönlich zu Gesicht bekommen hat. Doch trotz Überraschungsangriff wurde Alona aufs herzlichste empfangen. Und schon am nächsten Tag saßen wir alle mit diversen russischen Freunden bei Paschas – so heißt Alonas Vater – Geburtstagsfest.

Die Feier war genau so, wie ich mir immer russische Geburtstagsfeiern vorgestellt habe. Eine prunkvolle Glaskaraffe wurde kontinuierlich mit Wodka befüllt, so dass man die verbrauchten Flaschen nicht mehr zählen kann. Dazu gab es Essen aller Art im Überfluss. Auch wenn der Vater darauf achtete, dass wir nicht ganz so viel Wodka abbekamen – man trank Wodka, so wie unsereiner Bier – waren wir am Ende einigermaßen betrunken. Da es sich wohl nicht gehört, die Tochter alleine nach Hause gehen zu lassen, haben uns am Ende Freunde des Vaters bis zurück zu Lydias Wohnung nach Hause begleitet.

Unser Weg führte durch einen Park in dem vorwiegend Studenten der hiesigen Universität ihre Partyabende verbringen. Da gab es vor allem mal allerlei Bier-Kioske, diverse Vergnügungseinrichtungen wie auf dem Jahrmarkt, einige Open-Air Discos und das von uns aufgrund seiner schieftönigen Lärmigkeit stets gefürchtete Karaoke. Auf Parkbänken oder umherziehend, meist betrunken tummelten sich die Jugendlichen. Oder man verdrückte sich in ein dunkles Eckchen um ein bisschen zu knutschen.

Das Familienleben beginnt relativ früh in der Ukraine. Bei den Eltern oder Verwandten lebt man bis zur meist frühen Hochzeit, kaum ein Student kann sich ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft oder gar eine eigene Wohnung leisten. Alonas Halbbruder ist 21 und schläft auf dem Ausklappsofa im elterlichen Wohnzimmer. Der Vater arbeitet als Arzt im Krankenhaus – aber man lebt zu dritt in einer Zweizimmerwohnung. Um vom elterlichen Haus loszukommen, braucht man schon einen festen Freund bzw. Freundin oder es wird gleich geheiratet. Scheidungen sind nicht selten, dafür aber gibt es viele Hochzeiten. Samstags tummeln sich an entsprechend fotogenen Orten zahlreich zumeist sehr junge Hochzeitspaare. In der Familie wird dann klassische die Rollenverteilung gelebt: ukrainische Frauen schmeißen neben ihrem finanziell meist unabdingbaren Beruf auch den kompletten Haushalt.

Alona und ich haben zwei Wochen bei Lydia in einer wunderschönen Altbauwohnung gewohnt. Lydia ist genauso wie ich ein typischer Nachtmensch. Meist mit einer selbstgedrehten Zigarette im Mundwinkel werden bis in die Morgenstunden Konzepte, Vorlesungen und Artikel für in- und ausländische Zeitungen in den Computer getippt. Das Einkommen als Professorin alleine reicht jedenfalls nicht zum Überleben. Eine junge Englischlehrerin, die ich traf wohnte mangels Mann bei ihren Eltern – die weniger als 180€ Lohn, die sie monatlich von der staatlichen Schule bekam, reichen weder für eine Wohnung noch sonst irgendwie zum Leben, trotz Zweitjob als Nachhilfelehrerin reicht es keinesfalls, um unabhängig von den Eltern zu sein.

In einer zweisprachigen Wochenzeitschrift habe ich Portraits von jungen Kiewerinnen gelesen. Das Ideal, keinen männlichen Sponsor zu haben, wurde sehr hoch gehalten. Nur eine von acht Interviewten gab zu, gelegentlich von ihrem Freund Geld zu bekommen. Glaubwürdig waren die Aussagen zur eigenen Lebenssituation jedoch nicht. Meiner Beobachtung nach ist es relativ normal und meist unabdingbar, hier und da eingeladen zu werden oder ein kleines Scheinchen zugesteckt zu bekommen. Man hilft sich gegenseitig: Die „Babuschka“, die Großmutter, lebt zumeist in einem kleinen Häuschen mit großem Garten auf dem Lande und versorgt die ganze Familie mit frischem Gemüse und Eingemachtem. Die Familie versorgt sie dafür mit allem, was sie sich von ihrer – wenn überhaupt existenten – mageren Rente nicht leisten könnte.

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3 Responses to “Ukraine”

  1. Stephan Says:

    meeeeensch thorsten, datt hört sich ja interessant an! das musste mir mal vis–à–vis erzählen. (falls du nochma in schland vorbeiguckst :-) ) greetz !

  2. Stephan Says:

    … seh grad, dass das unter dem komplett-artikel steht. ganz speziell meinte ich das mit dem aikido-meister ;-)

  3. Thorsten Krug Says:

    Werd ich auch mal wieder. Wahrscheinlich bin ich am 22. Juni in Heggelbach bei meiner Schwester. Ein kleinen niedliches festival. Sobald ich mehr weiss, gibt es noch ne email Einladung.

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