Ukraine

UKRAINISCHE WEGE

Nach den zwei Wochen bei Lydia ging ich auf Wohnungssuche. Wir waren inzwischen zu Juric, einem anderen Uni-Dozenten umgezogen, der mit seiner Freundin Ivanka zusammen lebt. Juric spielt in einer Band und so haben wir nach und nach eine ganze Menge lieber musikalischer Menschen kennen gelernt. Das Ausgehen mit Eintrittsgeldern und teuren Getränken in Clubs und Bars können sich nur gut betuchte leisten. Eher traf man sich mit Freunden, machte Musik und tanzte dazu oder organisierte Kinoabende im Kulturhaus oder spazierte einfach ein wenig durch die Nacht.

Über das Couchsurf-Projekt habe ich viele nette Menschen kennen gelernt, die mich bei der Wohnungssuche unterstützten. Diese gestaltete sich nicht gerade einfach und die Zeit drängte, hatte ich doch Jacqueline versprochen, dass ich bis sie zu einem dreiwöchigen Gemeinschaftsurlaub einträfe eine schnuckelige Bleibe auftreiben würde. Mehr als eine Woche lang habe ich gemailt, gelesen, mich von Maklern übers Ohr hauen lassen, mir Zeitungsannoncen von verschiedensten mich mit ganzem Herzen unterstützenden Menschen übersetzten lassen. Bis ich endlich fündig wurde. In dieser Zeit habe ich einige weitere Freunde gefunden.

Unter anderen Sergey, einen fotografierenden Poeten, der mich oft durch das tägliche und nächtliche Kharkow begleitet hat. Er hat mir auch zu einem weiteren Auftritt in einem Fotoseminar verholfen. In der freien Fotoschule habe ich ein wenig über Kameratechnik gesprochen und eine kleine Diashow meiner Reisefotos gezeigt. Das Reisen bleibt für viele junge Ukrainer eher ein Traum. Zum einen ist es sehr schwierig, Visa zu bekommen. Ein Visum für den Schengen-Raum kann man als junges lediges Mädchen auf legalem Wege nur als Au-pair erhalten. Ansonsten gehen die Behörden davon aus, dass die „Rückhehrbereitschaft“ nicht gegeben sei. Eine etwas verblümte Ausdrucksweise für die Unterstellung, dass man nach Europa will, um sich dort zu prostituieren. Der Ukrainische Reisepass ist jedenfalls weltweit eher unwillkommen, ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten in diesem Lande, eine Reisekasse zusammen zu sparen. Die Europa erfahrenen Ukrainer, die ich getroffen habe, waren alle entweder auf Studienaustausch oder als Au-Pair unterwegs gewesen – oder illegal, wie Olessias Exfreund, der sich zu Fuß aufmachte, um seine in Deutschland studierende Liebste zu sehen. Leider ist er nur bis zur Deutsch-Polnischen Grenze gekommen – ein trauriges Ende dieser romantischen Geschichte.

Für viele junge Menschen üben die westlichen Industrienationen eine große Anziehungskraft aus. McDonalds oder das Starbucks ähnliche Café Live in Kharkow sind beliebte Treffpunkte der Jugendlichen. Hier träumt man noch vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mit schicker Kleidung und teuren Autos zeigt man, was man hat. In Kiew gibt es reichlich Fahrzeuge, die mehr als 300.000€ kosten. Ob schwarzer Jeep mit dunklen Scheiben oder Sportwagen von Masserati. Man zeigt, was man hat. Da die Polizisten genauso chronisch unterbezahlt sind, wie etwa Lehrer, Ätzte und Professoren, kann man nicht selten erleben, dass solch ein Gefährt mit 140km/h durchs nächtliche Kiew brettert. Sollte es einem Polizisten gelingen, den psychopatischen Raser aufzuhalten, sind die notwendigen 100 Grivna Bestechungsgeld wohl eher ein Fall für die Portokasse.

Eine Bekannte arbeitet am Gericht, sie hat Jura studiert. Den Karriereweg eines Juristen beschrieb sie mir folgendermaßen: Wenn man so um die 50.000€ für ein „Geschenk“ zusammen hat, bekommt hat man Chancen auf einen einflussreicheren Posten, auf dem es dann leichter wird Geld zu „verdienen“. Es gibt durchaus festgelegte Sätze, für was man wie viel Bestechungsgeld benötigt. Und nicht wenigen scheint die monetäre Abkürzung durch die vollkommen undurchsichtigen Wege ukrainischer Bürokratie durchaus humaner, als die starren Regeln westlichen Denkens: Hat man es doch immerhin mit Menschen zu tun, mit denen man reden und verhandeln kann, während europäische Beamte auf unbeugsame Gesetzestexte verweisen.

Man hat das Gefühl, dass sich Veränderungen für die Menschen immer nur dann ereignen, wenn jemand kräftig daran verdienen kann. Beispielsweise wird Kharkow gerade für die EM 2012 fit gemacht. Mit modernsten Baumaschinen wird die Innenstadt neu geteert und das Zentrum aufpoliert – während das öffentliche Gesundheitssystem vor sich hin darbt.

Alona hat sich in unserer gemeinsamen Wohnung einmal kräftig in den Finger geschnitten. Ein kurzer Blick auf den tiefen Schnitt zwischen Daumen und Zeigefinger und es war klar: Das muss genäht werden. Da sich Alona etwas zierte, ihren frisch gewonnenen Vater mit derlei Problemen zu konfrontieren haben Alona, Jacqueline und ich uns auf eine Odyssee durch ein ukrainisches Krankenhaus gemacht.

Die Dame am Empfang wollte, nachdem sie widerwillig ihr Kreuzworträtsel beiseite gelegt und ihren Tee ausgetrunken hatte, erst mal sämtliche Details aus dem Leben der stark blutenden und fast ohnmächtigen Alona erfahren. Während ich dem nahestehenden Polizisten, der schon mal meinen Ausweis beschlagnahmt hatte, unwirsch klar machen musste, dass ich jetzt nicht mit ihm sonst wohin kommen würde, solange meine Freundin bluttriefend keine Behandlung bekommt. Immerhin hat sich schließlich ein junger, vermutlich von seinen Kollegen aufgrund seines Idealismus belächelter Pfleger unserer erbarmt und uns erst mal in die Krankenhausapotheke geschickt, um das nötige Verbandsmaterial zu kaufen. Das ist nämlich – anders als die medizinische Erstversorgung – in der Ukraine nicht umsonst. Zwischendurch ist Alona erst mal aus dem Verbandsraum geflohen und musste unter gutem Zureden des Pflegers wieder zurück gebracht werden. Der Raum war so dreckig, dass sie Angst bekam, sich sonst was einzufangen. Von Krankenhaushygiene oder Desinfektion wollen wir erst gar nicht reden. Alona hat aufgrund der Aussichtslosigkeit der Lage schließlich ihre Scheu überwunden und ihren Vater angerufen. Der hat auch sofort seinen sonntäglichen Angelausflug abgebrochen und ist mit Sicherheit unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln zu uns ins Krankenhaus gekommen. Ohne jemanden der sich auskennt sollte man in diesem Land kein öffentliches Krankenhaus besuchen.

Der Polizist war auch noch nicht befriedigt. Als Alona halbwegs erstversorgt war durfte sie dem sichtlich nach einem Grund für ein kleines Geschenk Suchenden –schließlich waren wir in seinen Augen reiche Ausländer – auf russisch klar machen, dass ich als Europäer kein Visum brauche und dass der Stempel mit dem Einreisedatum nicht das Ende der legalen Aufenthaltsdauer angibt. Dreimal hat er gefragt, aus welchem Land wir kommen, den vor sich liegenden Ausweis konnte er vermutlich überhaupt nicht lesen. Irgendwann gab er auf und gab uns unsere Pässe zurück, nicht ohne den Kommentar, dass das ja alles noch nicht geklärt sei und wir uns keinesfalls entfernen dürften. Im Schatten der imposanten Gestalt von Pascha – immerhin war er früher einmal Boxer – haben wir uns dann gemeinsam aus dem Krankenhaus geschlichen. Alona wurde schließlich von Papa und einem Freund an anderer Stelle gut versorgt, während Jacqueline und ich uns auf den Heimweg machten.

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3 Responses to “Ukraine”

  1. Stephan Says:

    meeeeensch thorsten, datt hört sich ja interessant an! das musste mir mal vis–à–vis erzählen. (falls du nochma in schland vorbeiguckst :-) ) greetz !

  2. Stephan Says:

    … seh grad, dass das unter dem komplett-artikel steht. ganz speziell meinte ich das mit dem aikido-meister ;-)

  3. Thorsten Krug Says:

    Werd ich auch mal wieder. Wahrscheinlich bin ich am 22. Juni in Heggelbach bei meiner Schwester. Ein kleinen niedliches festival. Sobald ich mehr weiss, gibt es noch ne email Einladung.

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